Europa: Kontinent der Ertrunkenen und Zäune

Das alltägliche Leben ist schwer für mich geworden in Deutschland. Als ich vor etwa 2 Jahren in Ceuta war, fand ich den Grenzzaun dort unerträglich. Wenn man direkt davor steht und die Kleidungsfetzen und die Schuhe an dem Stacheldraht hängen sieht, dann wird die Festung Europa so richtig spürbar. Die Verlogenheit so mancher Europäer wurde dann noch einmal so richtig deutlich, als ich 10 Minuten später an einem riesigen Weihnachtsbaum in Ceuta vorbei lief. Das Fest der Nächstenliebe findet in Europa nur noch für diejenigen statt, die den richten Pass besitzen. Als ich letztes Jahr auf der Balkanroute unterwegs war, verschärfte sich ein Gefühl der Wut und der Trauer in mir. Die vier Fahrten nach Idomeni dieses Jahr gaben mir den Rest. Es wird mir in diesem Artikel nicht gelingen, eine umfassende objektive politische Analyse zu schreiben. Zu sehr hat das Leid der Menschen mich persönlich betroffen gemacht.

Es sind mittlerweile über 30.000 Menschen an Europas Außengrenze gestorben – Tendenz steigend. Die meisten sind ertrunken. Europas Antwort darauf ist, sich immer weiter abzuschotten. Dies hat zur Folge, dass Geflüchtete immer gefährlichere Routen nach Europa einschlagen müssen. Dadurch werden weitere Menschen sterben. Es wird von Politikern dann oft etwas von einem „Kampf gegen Schlepperbanden“ gefaselt. Was sie dabei nicht sagen ist, dass die Abschottungspolitik der EU-Mitgliedstaaten dem Geschäftsmodell der Schlepper entspricht. Mit Schleppern meine ich nicht die Fluchthelfer, die ohne Profitgedanken Menschen auf ihrem Weg unterstützen, sondern die, die sich an dem Elend der Geflüchteten und an der Abschottung Europas schamlos bereichern. Für mich sind nur die zuletzt genannten wahre Schlepper oder Schleuser. Die erstgenannte Gruppe betrachte ich als Fluchthelfer. Wobei jeder wissen sollte, das auch Menschen, die z.B. in strömendem Regen Menschen auf der Flucht unentgeltlich im Auto mitnehmen, sich schon schnell strafbar machen können. Denn auch Fluchthelfer, die Geflüchtete gratis transportieren, werden in fast allen EU-Ländern (auch in Deutschland) als Schlepper verfolgt. In diversen Kneipen, wo verschiedene Schlepperbanden sich treffen, knallen bei jedem Zaun, der in Europa errichtet wird, die Champagnerkorken. Denn je schwieriger und gefährlicher die Routen nach Europa werden, desto höher steigen auch die Preise. Ebenso ließ das Abkommen zwischen der EU und der Türkei die Champagnerkorken der Schlepper knallen. Die menschenverachtende und tödliche Abschottungspolitik der EU kostet also nicht nur Zehntausenden von Menschen das Leben, diese Politik kreiert nebenbei auch noch organisierte Verbrecherbanden. Wir brauchen keine Marineschiffe, um gegen Schlepperbanden vorzugehen. Legale Einreisemöglichkeiten würden den Schleppern ihre Geschäftsbasis nehmen. Sie würden ganz von selbst verschwinden. Denn wer zahlt schon 700 Euro oder mehr, um in einem Schlauchboot über das Meer nach Europa zu fahren, wenn er auch für 30 Euro eine Fähre nehmen könnte. Das wir Menschen zwingen, sich in die Hände von Schleusern zu begeben, da die EU-Staaten es ihnen nicht gestattet, mit einer Fähre oder einem Flugzeug legal in die EU einzureisen, macht uns Europäer in hohem Maßen verantwortlich für jeden einzelnen Menschen, der im Mittelmeer ertrinkt. Die europäischen Werte der Regierenden sind freier Warenverkehr für fluchtverursachende Waffenkonzerne, Zäune und Stacheldraht für Menschen die unter anderem vor den durch uns verkauften Waffen flüchten. Das die EU trotzdem immer noch den Friedensnobelpreisträger ist, ist mehr als zynisch.

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Sowohl hier in Wuppertal, als auch auf die Balkanroute und nicht zuletzt in Idomeni, habe ich viele Geflüchtete kennengelernt. Menschen wie du und ich. Wir haben oft am Lagerfeuer gesessen, diskutiert, viel gelacht, aber eben auch unsere Sorgen geteilt. Oft ist es schwer, nach einer Hilfsaktion auf der Balkanroute wieder zurück nach Deutschland zu kommen. Es gibt hierzulande viele liebevolle Menschen, die sich für Geflüchtete einsetzen, ein Teil davon auch für die Rechte von Geflüchteten. Aber es gibt leider auch viele andere Menschen, denen die Abschottungspolitik und das Leid der geflüchteten Menschen schlichtweg völlig egal sind. Andere befürworten die Abschottungspolitik sogar. Sie lehnen unsere Verantwortung für Fluchtursachen wie Waffenexport, erstickende Handelsabkommen und eine durch unsere Politiker und Konzerne vorangetriebene Wirtschaftsordnung die Hunger und Elend produziert ab. Einige sind dabei auch Stolz Deutscher zu sein und vergessen dabei, dass sie dafür nie was getan haben, sie wurden nur auf einem kleinen Fleckchen Erde geboren, das sich im Laufe der Geschichte zur Bundesrepublik Deutschland entwickelt hat. Es ist auch die Politik der Bundesregierung, die dafür gesorgt hat, dass Zehntausende im Mittelmeer ertrunken sind, dass Menschen durch Waffen, die von deutschen Firmen produziert wurden sterben und dass Menschen durch die von der Bundesregierung vorangetriebenen und unterschriebenen Handelsabkommen hungern. Wie man darauf stolz sein kann, wird für mich immer ein Rätsel bleiben. Das gleiche oder ähnliches gilt für Nationalisten in vielen anderen EU-Mitgliedstaaten wie z.B. Ungarn, die Niederlande oder Österreich.

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Bregana, Kroatien, Slowenien am 19. September 2015

Als ich in September 2015 das erste Mal auf die Balkanroute fuhr, traf ich an der slowenisch-kroatischen Grenze auf behelmte Bereitschaftspolizisten, auf Panzerfahrzeuge und Militärhubschrauber. Slowenien hatte die Grenze zu Kroatien zugemacht und ließ die geflüchteten Menschen im Niemandsland zwischen den beiden EU-Mitgliedstaaten verrecken. In der ersten Nacht, als ich da war, ist ein kleines Kind gestorben, u.a. weil ihr die Behandlung in einem slowenischen Krankenhaus verwehrt wurde. Grund dafür war, dass sie kein gültiges Visum hatte. Kurz darauf öffnete Ungarn seine Grenzen für kurze Zeit (später wurde die Grenze wieder geschlossen und die Grenze zwischen Kroatien und Slowenien für einige Monate geöffnet). Deswegen verschob sich die Balkanroute von Slowenien nach Ungarn. Die Menschen wurden in Züge gepfercht und eingesperrt. Diese Züge brachten die Geflüchteten dann zur ungarisch-österreichischen Grenze. Anschließend ging es weiter nach Österreich, Deutschland und in einige andere EU-Mitgliedstaaten. Als ich in Ungarn war, hatte die Ungarische Polizei damit begonnen, viele Geflüchtete festzunehmen und zu inhaftieren: eingesperrt, weil sie vor Krieg und Vertreibung geflohen waren. Der ungarische Präsident Orban leitet die regierende Fidesz-Partei, eine Partei, die mit der CDU/CSU und anderen europäischen, konservativen Parteien zusammen eine Fraktion im EU Parlament bildet. Das systematische Inhaftieren und die alltägliche Polizeigewalt gegen Geflüchtete in Ungarn, führten nicht zu einer Trennung von Fidesz im Europaparlament. Das hat bis heute keine Konsequenzen für Ungarn und Fidesz gehabt. Bis auf eine: als nach den schon vorhandene Grenzzäune zwischen u.a. Griechenland und der Türkei, und um die spanischen Enklaven Ceuta und Mellila auch Ungarn anfing, Zäune zu bauen, fand dies in immer mehr Europäische Länder Nachfolger: u.a. in Mazedonien, aber auch in Österreich.

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Vicky in Sid, Serbien, November 2015.

Auch meine zweite Fahrt auf die Balkanroute brachte erschütternde Erkenntnisse, was die Humanität in einigen EU-Mitgliedstaaten betrifft. Ungarn hatte seine Grenzen wieder geschlossen und die Balkanroute verschob sich wieder in Richtung Slowenien. Menschen auf der Flucht wurden in Dobova, Šentilj (beides in Slowenien) und Opatovac (Kroatien), aber auch in anderen Camps eingesperrt und es gab immer wieder Polizeigewalt (Video). Ihr Glück war, dass die Grenzen noch offen waren und sie aus dem Grund die Camps sehr schnell in Richtung Nord-Europa verlassen konnten. Die Art und Weise, wie sie für den Transport in Richtung Nord-Europa in Busse und Züge verfrachtet wurden, war weiterhin schockierend. Diese zweite Fahrt, war die erste, die ich mit der Gruppe „Cars of Hope Wuppertal“ zusammen durchgeführt habe. Meine Frau Vicky ist damals auch mitgefahren. Ich kam nach der zweiten Hilfsaktion auf dem Balkan sehr aufgewühlt nach Deutschland zurück. Vor allem die Bilder vom Camp in Opatovac ließen mich nicht mehr los. Ich hatte allerdings das Privileg und das Glück, dass ich mich danach 3 Monate lang am Meer und in den Bergen von Teneriffa erholen konnte. Aber es fiel mir unheimlich schwer, ein Video von unserer Hilfsaktionen und der Situation auf der Balkanroute zu schneiden. Ich konnte mir die Bilder nicht ansehen und es dauerte länger als zwei Monate, bevor ich das Video fertiggestellt hatte. Normalerweise brauche ich dafür ungefähr eine Woche. Mir kamen immer wieder die Tränen, als ich die Bilder der Camps auf der Balkanroute sah.

Als ich gut erholt aus Teneriffa zurück nach Deutschland kam, hatte sich einiges geändert: In Deutschland wurde das Asylrecht mehrmals verschärft, Geflüchtete müssen jetzt länger in den Camps bleiben, es wurden neue sogenannten sichere „Drittstaaten“ hinzugefügt, damit mehr Menschen abgeschoben werden können und auch viele andere Regelungen für Geflüchtete haben sich in der Zwischenzeit deutlich verschlechtert. Österreich, die Visagrad-Staaten und Mazedonien (FYROM) hatten die Grenzen zugemacht. Aufgrund dessen steckten jetzt tausende Menschen in Griechenland fest. Etwa Zehntausend davon in Idomeni, an dem Grenzzaun zwischen Mazedonien (FYROM) und Griechenland. Wir organisierten ein Treffen der Mitglieder von Cars of Hope Wuppertal und entschieden uns, eine Hilfsaktion für Geflüchtete in Idomeni zu starten. Da die gemeinsame Fahrt entlang der Balkanroute sowohl mich als auch Vicky sehr belastet hatte, entschieden wir uns dazu, dass ich alleine mit der Gruppe nach Idomeni aufbrechen werde. Vicky hat mich unterstützt und mir den Rücken gestärkt. So hat sie beispielsweise sämtliche Dinge übernommen, die zuhause zu organisieren waren. So musste ich mich nicht mehr darum kümmern und konnte mich neben meiner Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten hier in Deutschland voll und ganz auf die Unterstützung von Geflüchteten in Griechenland fokussieren. Dies stellte sich als noch viel wichtiger heraus, als ich anfangs vermutet hätte. Denn der erste Tag in Idomeni hat mich besonders erschüttert. Trotz allen theoretischen Wissens und den vorangegangenen Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Geflüchteten in Deutschland und auf der Balkanroute, war dieser erste Tag in Idomeni ein Tag, der mich die Auswirkungen der menschenverachtenden EU-Flüchtlingspolitik in all seinen Facetten spüren ließ. Wir haben gesehen, wie Menschen alles Mögliche an Grünzeug aus dem Boden gerupft haben, weil sie Hunger hatten. Und dabei bleib es nicht: Hinter dem Grenzzaun standen gepanzerte Militärfahrzeuge, Soldaten mit Hunden und automatischen Gewehren, vor dem Grenzzaun standen Zelte im Schlamm und wir sahen Menschen, denen die Weiterreise mit dem Militäraufgebot auf der andere Seite des Zauns verweigert wurde.

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Die Stimmung in Idomeni war dementsprechend ein ganz andere. Viele Menschen fragten immer wieder, wann die Grenze wieder aufgeht, ein Teil von Ihnen konnte einfach nicht glauben, dass die Grenze nicht wieder aufgehen wird. Aber es gab Menschen, die gut erkannt hatten, dass Mazedonien (FYROM) das nicht alleine entschieden hat und dass die Bundesregierung die Grenzschließung mindestens tolerierte. Das krisengeschüttelte kleine Land kann sich eine totale Isolierung nicht leisten und Länder wie die Tschechische Republik und Österreich unterstützen Mazedonien (FYROM) sogar mit Polizeieinheiten am Grenzzaun. Wir verteilten Nahrungsmittel, Wasser, SIM Karten und Hygieneartikel in Idomeni. Auch stellten wir regelmäßig unsere Powerbanks zur Verfügung um die Mobiltelefone der Geflüchteten aufzuladen. Dies taten wir auch im Camp bei der EKO Tankstelle an der E75, in der Nähe von Polykastro, die etwa 20 Kilometer von Idomeni entfernt liegt. In Polykastro wurden täglich tausende warme Mahlzeiten für die Geflüchtete zubereitet, woran sich auch 2 Menschen aus unserem Team beteiligten. Die Versorgung des Camps wurde durch viele Teams von freiwilligen Helfer*innen langsam verbessert. Schon nach einigen Tagen habe ich keine Menschen mehr Grünzeug aus dem Boden zupfen sehen. Es gab nur wenige NGO’s in Idomeni und von diesen wenigen NGO’s fiel vor allem Ärzte Ohne Grenzen positiv auf. Ihre Mitarbeiter*innen waren pausenlos im Einsatz und leisteten großartige Arbeit. Es gab täglich Proteste, bei denen Geflüchtete die Öffnung der Grenze forderten. Nicht nur in Idomeni, sondern auch beim offiziellen von Militär geführte staatlichen Camp in Neo Kavala und dem Camp bei der EKO Tankstelle. Auf der E75 wurden immer wieder LKW’s von und nach Mazedonien (FYROM) blockiert, PKW’s wurden dabei fast immer durchgelassen. In Idomeni wurden die Gleise für Züge von und zu dem kleinen Land hinter dem Zaun über 2 Monate blockiert.

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Als ich bei der Rückreise nach meinem ersten Aufenthalt im Auto saß, kullerte immer mal wieder eine Träne über mein Gesicht. Am Flughafen von Thessaloniki wurde das nicht besser. Wieder kamen mir die Tränen – Tränen der Trauer über die Situation, diese im Stich gelassenen und verzweifelten Menschen, aber auch Tränen der Wut über die EU Grenzpolitik. Das Privileg mit meinem holländischen Pass einfach in den Flieger steigen zu können und nach Deutschland zu fliegen, während andere am Grenzzaun bleiben mussten, war kaum auszuhalten. Am Grenzzaun sind Menschen wie du und ich, aber da ich in den Niederlanden geboren bin, kann ich hinreisen, wohin ich möchte, auch außerhalb der EU. Das gilt auch für Menschen mit einem Deutschen Pass. Warum dies nicht für viele Menschen gilt, die außerhalb der EU geboren wurden, ist absolut nicht einzusehen.

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Ich kam nach über einer Woche wieder nach Hause. Vicky freute sich darüber, aber merkte schnell, dass ich nicht wirklich da war. Ein Teil von mir war in Idomeni geblieben. Immer wieder bekam ich plötzlich Tränen in mein Gesicht. Ich war nach wie vor traurig und wütend und hatte große Probleme, meinen Alltag in Deutschland zu bewältigen. Die Absprache, dass einer von uns Zuhause bleibt, entpuppte sich als gute Entscheidung. Denn Vicky leistete großartige Arbeit und schaffte es auch, mich aufzupäppeln. Aber es war trotzdem schwierig für mich, in Deutschland wieder zurechtzukommen. Auch wenn es in Deutschland nach wie vor viele Menschen gibt, die sich für Geflüchtete einsetzen, war die Anzahl der Menschen, die anscheinend jegliche Empathie verloren haben und gegen Geflüchtete Stimmung machen, deutlich gestiegen. Busse mit Geflüchteten und Unterkünfte wurden nicht nur von sogenannten „besorgten Bürger*innen“ in Clausnitz blockiert, das gab es auch in anderen deutschen Dörfern und Städten. Auch die Serie von Brandanschlägen und andere Attacken gegen Flüchtlingsunterkünfte gehen munter weiter. Für mich sind das keinesfalls nur „besorgte Bürger*innen“. Vielmehr sind das Patrioten, die sich offen zu einer xenophobischen und geschlossenen Gesellschaft bekennen und vor Gewalt nicht zurückschrecken. Ihr verhalten macht mich so unfassbar Wütend.

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Nach ein paar Tagen flog ich erneut nach Griechenland. Ich verteilte zusammen mit einigen Geflüchteten Lebensmittel im Camp in Idomeni und es war ein spannende und lehrreiche Erfahrung, dies zusammen mit Geflüchteten zu tun. Auch dieses Mal gab es viele Proteste von Geflüchteten gegen die Grenzschließungen. Dies nahm aber deutlich ab, nachdem der Versuch einiger Tausend verzweifelter Menschen scheiterte, die Grenze während einer der Proteste zu überqueren. Die mazedonische Polizei beschoss die Geflüchteten mit Gummigeschossen und feuerte große Mengen Tränengas in das Camp. Da die mazedonische Polizei dabei auch griechisches Territorium betreten hatte, fiel der griechischen Regierung nichts Besseres ein als einige Tagen später eine Militärübung an der Grenze abzuhalten. Dabei kreist Düsenjäger für mehrere Stunden direkt über dem Camp in Idomeni (Video).

 

Ende April fuhren wir nochmal mit einer Cars-of-Hope-Gruppe nach Idomeni. Wir verteilten wieder jede Menge Nahrungsmittel, Hygiene-Artikel und auch einige SIM Karten im Camp. Die Verzweifelung hatte jetzt nochmals deutlich zugenommen. Immer mehr Menschen im Camp wurde bewusst, dass die Grenze nicht wieder geöffnet werden wird. Viele der Menschen in Idomeni haben Familienangehörige in Deutschland und durch den erschwerten Familiennachzug seit der Einführung des Asylpakets 2 in Deutschland stecken vor allem viele Familien mit Kindern in Griechenland fest. Die europäische Flüchtlingspolitik ist ein Desaster auf allen Ebenen. Nicht nur die Grenzpolitik die schon über 30.000 Menschen das Leben gekostet hat, auch das martialische Aufgebot der Grenzsoldaten richtet dauerhaften Schaden an. Diese menschenverachtende Maschinerie wird ganz real, wenn man auf der Balkanroute unterwegs ist. Das ständige Dröhnen der Hubschrauber, die Zäune und die Stammtischparolen von politischen Entscheidungsträgern wie z.B. dem deutschen Innenminister Thomas de Mazière. Als ich ein paar Nächte in Idomeni geschlafen habe, gab es dort ein sich immer wiederholendes Muster. Erst bellten die Hunden der mazedonischen Soldaten am Zaun und kurz darauf fingen viele kleine Kinder in den Zelten an zu weinen. Ich höre die Kinder auch heute noch regelmäßig weinen. Ich höre sie in meinem Kopf. Das sind wahrscheinlich die Bilder und Geräusche, von denen wir laut Thomas de Mazière lernen müssen, sie auszuhalten. Aber warum? Damit wir weiter Waffen nach Krisengebiete exportieren können? Damit wir weiter Fluchtursachen produzieren können, aber uns kaltschnäuzig und ohne Herz umdrehen und weggucken können, wenn wir mit den Folgen unserer Politik und Wirtschaftsordnung konfrontiert werden? Und darauf sollen wir möglichst auch noch stolz sein? Warum? Wir müssen Menschen auf der Flucht unterstützen und uns dieser zynischen und kaltherzigen Politik widersetzen. Nahrungsmittel und andere notwendige Sachen für das alltägliche Leben auf der Flucht zu verteilen ist wichtig und ich werde dies auch in Zukunft tun. Aber noch viel wichtiger ist es, dass sich auf politischer Ebene Sachen ändern. Es ist nicht hinnehmbar, dass es schon über 30.000 Tote gibt. Die Schließung der Balkanroute wird diese Zahl in den kommenden Monaten noch einmal deutlich erhöhen. Denn sie werden Menschen in Todesangst durch Krieg, Vertreibung und Hunger nicht davon abhalten können, sich auf dem Weg nach Europa zu machen. Alles, was sich durch die momentanen Entwicklungen ändern wird, sind die Routen, die die Geflüchteten einschlagen werden. Sie werden noch gefährlicher und damit tödlicher werden. Das wissen die Regierenden, aber es scheint ihnen schlichtweg egal zu sein. Schließlich kann man mit diese mörderischer Abschottungspolitik, gemischt mit Hass schürenden, rechtspopulistischen Stammtischparolen Wahlen gewinnen. Es gilt, diese Menschenverachtende Politik der EU Mitgliedstaaten zu beenden!

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Idomeni, 2016

Als wir wieder zurück nach Deutschland kamen, war meine Wut und Trauer noch mal deutlich gestiegen. Die Bilder von verzweifelten Menschen, Grenzsoldaten, Zäunen und gepanzerten Fahrzeugen hatten sich noch fester in meinen Kopf gebrannt. Die vielen liebevollen Menschen, die mir schon soviel gegeben hatten und unserer Gesellschaft insgesamt soviel zu bieten haben, werden von uns im Stich gelassen. Wir lassen sie an den Zäunen und auf dem Meer verrecken. Zusammen mit der Open-Borders-Gruppe organisierten wir am 14. Mai in Wuppertal eine Demonstration im Rahmen des weltweiten Aktionstags für Menschenrechte von Geflüchteten und für Offene Grenzen. In Wuppertal kamen etwa 150 Menschen zur Demonstration, viel zu wenig angesichts der dramatischen Verschärfungen der deutschen Asylgesetze und der Ereignisse an den EU Außengrenzen. Anderseits war es eine Demonstration mit sehr unterschiedlichen Teilnehmer*innen. Das war sehr erfreulich. Und auch 150 Teilnehmer*innen sind heutzutage auf einer Demonstration in Wuppertal gar nicht wenig. Die Open-Borders-Gruppe wird auch in Zukunft Aktionen organisieren, um die Forderung nach offenen Grenzen und einem Ender der europäischen Abschottungspolitik Nachdruck zu verleihen. Die Gruppe möchte sich auch auf politische ebenen für die Rechte von Geflüchtete in Deutschland einsetzen.

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Idomeni, 2016

In der Woche darauf gab es in Idomeni Auseinandersetzungen zwischen Geflüchteten und der griechischen Polizei. Eine der viele Tränengasgranaten landete direkt vor dem Zelt einer Familie mit 3 kleine KinderN. Mit ihnen habe ich mich im Laufe der Zeit regelrecht befreundet. Die griechische Polizei stoppte mittlerweile regelmäßig Nahrungslieferungen in das Camp und verteilt diese an einigen Checkpoints, die sie auf die Zufahrtstraßen zum Camp eingerichtet hatten. Das Ziel war klar: Die Polizeistrategie zielte darauf, die Menschen im Camp zu zermürben, indem sie sie regelrecht aushungern ließen, damit diese das Camp freiwillig verlassen. Die Kinder der befreundeten Familien hatten immer mehr Angst . Dies war vor allem der Fall, nachdem es zum Tränengasangriff der griechischen Polizei kam. Als klar wurde, dass das Camp bald geräumt werden würde, baten mich einige Leute, ob ich noch mal runterfahren könnte. Ich hatte nur wenig Zeit, da ich in der Woche relativ viel arbeiten musste, aber hab mich entschieden, trotzdem runterzufliegen. Ich versuchte auf die beide normalen Zufahrtsstraßen ins Camp zu kommen, wurde aber beide Male an den Checkpoints durch die griechische Polizisten gestoppt. Darauf war ich aber vorbereitet und beim dritten Versuch gelang es mir, ins Camp reinzufahren. Wie genau, das möchte ich in diesem Artikel nicht vertiefen. Aber das, was ich mir vorgenommen hatte und auch die Art, wie das funktionieren könnte, lief genau so wie geplant. Ich konnte noch einige Sachen verteilen, obwohl ich dafür sorgen musste, nicht entdeckt zu werden, was dank der Hilfe durch einige Geflüchtete sehr gut gelang. Schließlich konnte ich mit einigen Freundinnen und Freunden im Camp sprechen und damit anfangen, das umzusetzen, wofür ich gekommen war. Während meines Aufenthalts in Idomeni wurde dann auch noch das Wasser abgedreht. Menschen zermürben und hungern und dann auch noch das Wasser abdrehen? Das sind die Werte der europäischen EU Politik. Am Sonntagabend (22. Mai 2016), als ich gerade an staunenden Polizisten bei einem der Checkpoints, an dem sie mich Mittags noch zurückgeschickt hatten, von der andere Seite vorbeigefahren war, erreichte mich gerade die Nachricht, dass große Kolonnen von Polizeifahrzeuge von Athen in Richtung Idomeni losgefahren waren. Die Räumung wurde am Dienstagmorgen begonnen. Es waren auch noch 2 Leute von eine Hagener Gruppe da und wir informierten einige Freund*innen aus dem Camp, die um Unterstützung gebeten hatten.

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Idomeni, 2016

Die Freund*innen hatten Angst vor einer Eskalation während der Räumung und wollten sich wegen ihrer Kinder vorher in Sicherheit bringen. Die geflüchteten Familien mussten mitten in der EU wieder flüchten. Es wurde in Rekordzeit einige Wohnungen organisiert und die Familien mit Kindern konnten sich in Sicherheit bringen. Nach dem langen Weg und nachdem sie monatelang mit ihren Kindern in Idomeni festgesteckt hatten, konnten sie endlich in einem normalen Badezimmer Duschen gehen und in einem echten Bett schlafen. Als einer der Väter sich von mir verabschiedete, hatten wir beide Tränen in unsere Augen. Die ganze Aktion hatte alle beteiligte viel Kraft gekostet, aber seine einjährige Tochter war erst mal in Sicherheit. Als ich zurück nach Deutschland kam, wurde schnell deutlich, wie wichtig die Aktion gewesen war. Nach der Räumung in Idomeni wurden die Menschen in überfüllte, vom griechischen Militär geführte Camps gebracht. Oft waren diese Camps in alten, verlassenen Industriegebieten gelegen. Die Zustände in vielen dieser Camps waren sogar noch deutlich schlechter als in Idomeni. Häufig gab es für die Geflüchteten zu wenig oder sogar gar kein Wasser in den Camps. Auch das UNHCR nannte die zustände in den Camps „erbärmlich“ und kritisierte, dass es dort zu wenig oder sogar gar keine Duschen gab, die Zelte in den Fabrikhallen zu nah aneinander standen und es in den Hallen bestialisch stank, weil die Luft hier schlecht zirkulierte. Auch wurde kritisiert, dass es oft zu wenig oder gar keine Ärzte gab und es viel zu wenig Essen in den Camps gab. Die Camps waren so voll, das es auch Menschen gab, die ohne Zelt im Freien schlafen mussten. Willkommen in der EU im Jahre 2016.

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Idomeni, 2016

Nicht nur bei mir, auch bei einigen anderen Mitgliedern der Cars-of-Hope-Gruppe haben die Eindrücke und Erlebnisse der Balkanroute tiefe Spuren hinterlassen. Die, die dies möchten, werden bei der Verarbeitung durch Menschen von „Out of Action“ begleitet. Für mich persönlich ist dies sehr wichtig, denn ich möchte unbedingt weiter machen und dafür ist es wichtig, einen Weg zu finden, mit dem Ganzen umzugehen und nicht auszubrennen. Es gibt viel zu tun und dafür brauche ich auch in Zukunft viel Kraft.

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Idomeni, 2016

Es sind jetzt regelmäßig kleinere Cars-of-Hope-Teams vor Ort, um geflüchtete Familien zu unterstützen. Die Grenzen sind erst mal zu und auch, wenn es darum gehen muss, sich zu organisieren und dafür zu sorgen, dass die Grenzen wieder geöffnet werden. Wir werden weiterhin Geflüchtete auf verschiedene Weisen unterstützen. Wir werden die Geflüchteten, die jetzt in Wohnungen und Häusern untergebracht sind mit Nahrung, Hygieneartikel, Miete, Strom und allem, was Menschen in ihrem alltäglichen Leben so brauchen, unterstützen. Aber wir werden auch weiterhin Geflüchtete in den Camps unterstützen. Solange die freien Camps in der nähe von Polykastro und Piräus existieren und noch nicht geräumt wurden dort, aber auch in den staatlichen Camps, wo die Versorgungslage schlecht ist, werden wir weiterhin Geflüchtete unterstützen.

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Idomeni 2016

 

Es waren aber nicht nur die Menschen, die mit Cars of Hope (oder anderen Gruppen) nach Griechenland gekommen sind, die dafür gesorgt haben, dass wir so viele Geflüchtete unterstützen konnten. Es sind auch die vielen Menschen, die gespendet haben und damit die Finanzierung unsere Arbeit mit Geflüchteten überhaupt erst möglich gemacht haben. Ich möchte mich bei all diesen Menschen herzlich bedanken. Jede Spende – ganz egal wie groß oder klein sie ist – wird nach wie vor dringend gebraucht. Wer uns bei der Fortsetzung unsere Arbeit mit Geflüchteten unterstützen möchte, kann zum Beispiel bei unserer Crowdfunding-Kampagne für Geflüchtete in Griechenland mitmachen: https://www.youcaring.com/refugeesgreece

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Ihr könnt unsere Arbeit mit Geflüchteten auch durch eine Überweisung auf unser Spendenkonto unterstützen:

Kontoinhaber:Sozialtal e.V.

Iban: DE80 33050000 0000 6968 49

Bic: WUPSDE33XXX

Verwendungszweck: Cars Of Hope

Alle Spenden werden über Sozialtal e.V abgerechnet. Spendenquittungen können ausgestellt werden. Wenn ihr eine Quittung braucht, schickt eine Mail an carsofhopewtal@gmx.de mit eurem vollständigen Namen und der Postadresse, damit wir euch eure Spendenquittung zuschicken können.

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